Die Sanftmütige und der Herumtreiber

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    hr könnt euch ab sofort im neuen Forum einen Account registrieren. Dieses Forum ist nicht mehr aktiv und wird am 26.03. abgeschaltet.

    • Die Sanftmütige und der Herumtreiber

      Hallo zusammen,

      ich schreibe schon seit mehreren Jahren Geschichten, Kurzgeschichten,
      Gedichte und was es noch so gibt.

      Vor einiger Zeit habe ich begonnen für eine Freundin von mir eine
      Geschichte über unsere Aion-Charaktere zu schreiben.

      Unten seht ihr einen Teil des Produkts.

      Ihr dürfte gerne ehrlich sein, Kritik kann ich ab, solange sie konstruktiv ist ;)

      Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.



      Die Sanftmütige
      und der Herumtreiber


      Kapitel 1: Ärger in der Marktstraße

      Der Tag war sonnig und die Marktstraße voll. Händler saßen an ihren Ständen und riefen ihre Waren aus. „Der saftigste Fisch Asmodaes, nur hier, bei ..“, „.. und wenn Ihr zwei Melonen bei mir kauft bekommt Ihr sogar ...“. Die Straße war erfüllt vom täglichen Traben der Menschen, die Sonne lachte auf sie herunter. In den oberen Stockwerken waren ab und an Damen zu sehen, die sich heraus lehnten und Teppiche ausklopften. Der Staub hing schwer in der Luft und machte einem das Atmen schwer. Kinder liefen lachend mit ihren Hunden durch die Straßen.

      Liaris drückte sich leicht durch die Menschenmengen, eine Hand ständig voran. Sie hob die Hand und hustete stark hinein, der Staub lag schwer in ihrer Lunge. Sie suchte nichts. Sie schlenderte. Durch die Mengen und versuchte den sonnigen Tag zu genießen. Ständig lagen ihr die Stimmen der Bewohner in den Ohren: „Hast du schon gehört? Krynn möchte sich mit Serpens vermählen!“ - „Tatsächlich? Und so etwas in Asmodae...“

      Sie interessierte sich nicht für derlei Angelegenheiten. Liaris hob den Kopf und betrachtete die Menge vor ihr, welche sie noch zu überwinden hat. Als sie den weiten Weg vor sich sah seufzte sie. Große Menschenmengen machten sie nervös. Sie senkte wieder den Kopf und machte sich, eine Hand voran, daran die Meute zu durchqueren. Oft bekam sie einen Ellbogen ab oder stieß mit Menschen zusammen, die unachtsam quer durch die Menge spazierten.

      Das Ende der Menge war schon nahe, da lief in dem Getümmel ein kleiner Junge auf sie zu. Er war sehr klein und trug nichts bis auf eine zerfledderte Hose und abgetragene Schuhe. Seine zerzausten schwarzen Haare standen in allen Richtungen von seinem Kopf ab. Der Junge war so mager, dass Liaris alle seine Knochen hätte zählen können, seine Augen waren hart und Liaris konnte direkt sehen, dass der Junge trotz seines Alters bereits wusste was der Ernst des Lebens bedeutet. Ein Wissen das sogar viele Vanahaler in Pandämonium nicht erwerben konnten.

      Liaris schnaubte verächtlich mit der Nase als sie an die Adeligen dieser Stadt dachte. Die Bürger dieser Stadt drängten sich zwischen Menschenmengen um mit ihren paar Kinah, welche sie zur Verfügung hatten, etwas Essbares für sich und ihre Angehörigen zu kaufen, während die Adeligen vor ihrem Kamin saßen und ihre Diener dies erledigten lassen. Ihre Steuern waren geringer und ihr Einkommen höher. Gerechtigkeit war noch nie eine Stärke des Statthalters.

      „Gnädige Frau?“. Liaris wurde aus ihren Gedanken gerissen und schaute vor sich hinab. Der Junge hat sich inzwischen bis zu ihr vorgeschlagen. Seine Augen waren in einem hellen blau und sehr tief. Und alt. Bereits viele Sorgen mussten in diesen Augen verankert worden sein. Der Junge trat nervös von einem Bein auf das andere. Dann senkte er den Blick.

      Der Blick der Scham. Liaris wusste was der Junge wollte. Zu viele Stadtbewohner Pandämoniums litten unter der Armut, fanden keine Arbeit und waren gezwungen Mitmenschen um Kinah zu bitten, stattdessen aber Erniedrigungen und Beleidigungen zu erhalten. Auch dieser Junge war Opfer vieler gemeiner Worte gewesen.

      „Nun, ich ...“ begann er. Liaris Blick schweifte zum Brunnen, an dessen Stufen zwei Mädchen saßen. Ihre Haare waren vom gleichen tiefen Schwarz wie das dieses Jungen und genauso zerzaust. Ihre Körper bedeckten abgetragene Kleider, welche viel zu große für sie waren, die Arme lagen um ihre angezogenen Beine und ihr Blick sagte eine Mischung aus Hoffnung und Traurigkeit aus. Die Mädchen beobachteten sie und unvermittelt nickte Liaris den beiden zu.

      Sie drehte sich wortlos von dem Jungen ab. Sie konnte sein lautes Seufzen der Bestürzung hören, doch sie ging weiter. Schließlich kam sie an einem Stand an, von dem die lauten Worte des Schreiers ausgingen.
      „Brote, leckere und frische Brote und Obst. Frisches Obst, direkt von den Plantagen von Altgard.“. Liaris blieb vor dem Stand stehen und besah sich die Waren. Die Brote sahen wirklich lecker aus und das Obst war frisch. Sie kaufte sechs Äpfel und zwei Leibe Brot. Als die Kinah aus ihren Klauen in die des Händlers wanderten, konnte sie die Freude in den Augen des Händlers sehen. „Vielen Dank, gnädige Frau. Aion sei mit Euch.“

      Mit den Leiben und Äpfeln in den Händen war es noch schwerer durch die Massen zu kommen als vorher. Doch schließlich schaffte Liaris es und stand auf dem großen Platz Pandämoniums. Hier standen nur mehrere kleine Gruppen von Leuten herum, welche aufgeregt über banale Themen sprachen und verliebte Pärchen die durch die Stadt spazierten.
      Schließlich kam sie am Brunnen an. Der Junge saß nun vor den beiden Mädchen, der Rücken zu Liaris gewandt. Sie konnte sein leises Schluchzen hören. Eines der Mädchen hat eine Hand auf seine nackte Schulter abgelegt und tröstete ihn. „Wir werden es schon irgendwie schaffen, Taiko.“ Dann sah sie Liaris und ein Lächeln, so schön und ehrlich wie Liaris es noch nie gesehen hat, legte sich auf ihre Gesichtszüge.

      Als Taiko bemerkte wohin das Mädchen sah, drehte er sich um. Auch sein Gesicht war daraufhin von einem großen Lächeln bedeckt, genau wie das von dem anderen Mädchen. Die Dankbarkeit der Kinder fiel vor ihnen auf den Boden und schlängelte sich langsam zu Liaris vor.

      Liaris ging in die Knie und reichte den Kindern mit einem Lächeln die Brote und Äpfel. Der Junge wischte sich mit einer schnellen Handbewegung die Tränen vom Gesicht. Sein Strahlen war schön. Er streckte vorsichtig die Hände nach dem Brot aus, zögerlich um nicht gierig und frech zu wirken.
      Liaris kicherte. „Nimm ruhig“, sagte sie mit einer ruhigen, schönen Stimme. Die Kinder nahmen das Essen und lächelten. „Vielen Dank, gnädige Frau.“ Im Chor, fast wie einstudiert.
      Liaris nickte. Sie wollte gerade etwas sagen, da raubte ihr ein lauter Türknall die Aufmerksamkeit.

      Und dann sah sie ihn.
    • huhu,

      hab mir das mal durchgelesen, sehr emotional gehalten und geschrieben, allerdings fehlt am ende der rest wies weiter geht typisch wenns spannend wird ist ende *mimimi*

      bin auf jedenfall gespannt wies weitergeht


      weiter so :)
    • Konnte es doch noch auf der Arbeit auftreiben höhöhö

      Die Sanftmütige
      und der Herumtreiber

      Kapitel 2: Am helllichten Tag

      Er sah sich in der Taverne um. Männer verschiedenster Länder lachten, sprachen miteinander und stießen miteinander an. Er aber saß in einer dunklen Ecke der Taverne, ein Krug Met in der Hand, den er ab und an langsam zum Mund führte, um den leckeren Geschmack des Honigweins zu kosten.

      Er besah sich die einzelnen Gesichter. Sein Blick klebte schließlich an einem Mann. Seine Augen waren schmal und sehr kalt, das Gesicht ernst und starr, die Form sehr markant. Auch dieser Mann hielt sich in einem dunkleren Teil der Taverne auf und schien die Leute ebenfalls zu beobachten.

      Ein Funke Hoffnung stieg auf. War das etwa der Mann den Thyadar schon seit Tagen suchte? Würde er Straßen abgelaufen, Häuser beobachtet und Leute ausgefragt haben, ohne Ergebnis, nur um ihn hier aus Zufall in der Taverne zu finden?

      Der Mann trank seinen Krug leer, zog sich dann die Kapuze seines Umhangs über den Kopf und steuerte den Ausgang an. Thyadar leerte seinen Krug ebenfalls und folgte ihm langsam.

      Obwohl die Sonne sich auch hier durch die Dächer zwängte und die Straße in hellem Licht tauchte, waren hier nur wenige Leute unterwegs. Dieser Teil Pandämoniums galt als gefährlich wenn man sich nicht auskannte. Betrunkene, zwielichtige Händler und Räuber standen hier an der Tagesordnung. Doch Thyadar wusste sich zu wehren, er wusste woran man einen Räuber erkennt und kannte gewisse Griffe und Arten jemanden zu entwaffnen.

      Der Mann ging um eine Ecke und verschwand so für einen kurzen Augenblick aus Thyadars Sichtfeld. Als Thyadar nur wenige Sekunden nach dem Mann um die Ecke kam, war der Mann nicht mehr zu sehen. Vor ihm lag eine Gasse, welche komplett im Schatten lag. Thyadars Augen brauchten einige Sekunden bis sie sich an das Dunkel gewöhnt hatten und ihm offenbarten was nun vor ihm lag.

      Er konnte zwei Männer sehen, welche, mit je einer Flasche Alkohol in der Hand, schlafend an den Mauern lagen. Einige Kisten stapelten sich an den Hauswänden und wirkten in dem Dunkel schon fast bedrohlich. Als eine Windbrise aus der Gasse in Thyadars Richtung wehte, trug sie ein Blatt Papier in seine Hand. Er schaute sich noch einmal kurz um, ehe er sich das Blatt besah. „Fast, Jäger.“

      Die Worte schienen Thyadar auszulachen. Sie tanzten vor Thyadars Augen ihren Siegestanz, versuchend ihn zu erniedrigen und entmutigen. Die Hand, welche das Papier hielt ballte sich zur Faust. So nah. So knapp. Und er hat ihn verloren. Thyadar schloss die Augen und neigte den Kopf zum Boden. Was sollte er nun machen? Er wusste nicht wieso, aber eines war ihm klar: Der Mann war verschwunden. Er wusste auch nicht wie er es anstellte, aber er war weg. Heute würde er ihn nicht mehr finden.

      Dann schreckte er auf. Auf der Straße vor der Taverne wurden zwei Stimmen laut, dann hörte Thyadar den Klang einer Klinge die aus einer Scheide gezogen wurde. Er drehte sich um und sah wie ein schlanker Mann die Klinge am Hals des anderen Mannes hielt. Stumm wanderte ein Geldbeutel aus einer Hand in die andere. Der schlanke Mann verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen, dann holte er aus und schlug den Griff seines Dolches gegen die Stirn des Mannes und rannte in die entgegengesetzte Richtung, zum Stadtplatz.

      Aus seiner Starre befreit, nahm Thyadar sofort die Verfolgung auf. Es waren nur wenige Leute auf dieser Straße unterwegs und niemand von diesen stellte sich in den Weg des Taschenräubers. Eher gingen sie an den Rand der Straße, die pure Angst in den Augen, der Blick gerichtet auf die Klinge. Sie pressten sich geradezu an die Mauer. Thyadar war der Einzige der den Mann verfolgte.

      Der Mann bog um mehrere Ecken, doch im Gegensatz zum Mann im Umhang, verschwand er nicht. Thyadar konnte ihn stets wieder entdecken, auch wenn die Menschenmenge durch die der Räuber floh immer dichter und größer wurde. Dann lief der Mann durch einen großen Bogen, welcher direkt zum Platz führte.

      Thyadar folgte ihm, mit schnellem Schritt, sein Atem und sein Puls wurden immer schneller. Als er den Bogen durchlief knallten die Sonnenstrahlen ungebremst in seine Augen und für einen Augenblick fürchtete er seine gesamte Sehkraft zu verlieren. Nach dem Bruchteil einer Sekunde hat er sich wieder gefangen und machte den Mann in der Menge aus.
      Der Mann stieß mehrere Menschen aus dem Weg und schrie, sie sollen Platz machen. Thyadar lehnte sich nach vorne, all seine Kraft legte er in seine Beine, stieß eines nach dem anderen vom Boden ab und hechtete nach vorne. Da die Menge vor ihm bereits geteilt war, dauerte es nicht lange, bis er den Räuber eingeholt hat.

      Er war nur noch wenige Schritte von dem Mann entfernt, da legte er die Kraft in beide Beine, stieß sich vom Boden ab und wirbelte einmal durch die Luft. Er streckte die Arme voraus und hakte sich um den Hals des Mannes und riss ihn somit zu Boden. Am Boden aufgeschlagen, rollte er sich ab, zog seinen Dolch aus seinem Stiefel und hielt ihn dem Räuber an den Hals.

      Die Spitze lag an der Haut des Mannes und drückte sie ein wenig ein. Ein wenig mehr Druck und die Klinge würde in seinen Hals eindringen und die Blutwege durchtrennen, die Luft- und Speiseröhre und den Mann elendig ersticken lassen.

      Die Augen des Mannes waren weit aufgerissen. Er blickte durch Thyadar direkt hindurch. Er sah nicht in Thyadars Augen. Er sah in die des Todes. Er griff mit seinen knochigen Händen nach ihm. Thyadar ist der Überlieferer. Ein Stich und der Tod hat einen weiteren Namen von der Liste zu streichen. Ein Stich und Pandämonium wäre wieder um einen Räuber sicherer.

      Dann begann der Mann zu weinen. Seine Augen füllten sich mit Tränen, welche dann an seiner Wange hinab liefen. Er schluchzte. Mit einem Mal sah Thyadar nicht mehr den skrupellosen grinsenden Räuber. Er sah einen Mann der um sein Leben bangte. Ein Mann der etwas zu verlieren hatte. Möglicherweise eine Familie.

      In der Zwischenzeit kam der Ausgeraubte durch die Menge auf die beiden zu. „Los! Tötet ihn!“, zischte er. Die Klinge lag noch immer am Hals des Räubers. Thyadar seufzte. Er ließ die Klinge sinken. Der Räuber atmete tief durch. Er lebte. Thyadar hoffte, dass dem Mann klar war, dass er wegen eines Säckchen Kinah hätte sterben können.

      Doch Hoffnung war ihm nicht genug. Er hob die Klinge erneut und ließ sie einmal über die Wange des Räubers gleiten. Feine rote Wunden öffneten sich unter dem leichten Druck des Dolches. Wieder das laute Atmen des Räubers. Die Wunde zog sich eine gerade Linie über die Wange des Mannes, dann steckte Thyadar den Dolch weg und griff nach dem Säckchen in der Hand des Räubers und warf ihn dem Mann zu. Ein dünnes Rinnsal an Blut lief über sein Gesicht. Er grummelte unzufrieden, hatte sich wohl eine andere Wunde für den Räuber gewünscht. Er drehte sich um und ging.

      Thyadar schaute in die Gesichter der schaulustigen Menge. Er spürte die Blicke aller Menschen auf dem Platz auf sich ruhen. Einige schauten ihn mit Abscheu an, andere, hauptsächlich Kinder, mit einem beeindruckten Lächeln. Er schob sich durch die Menge und ließ den Räuber dort liegen. Die Wunde würde ihn wenigstens einige Wochen daran erinnern, wie kostbar das Leben ist. Und dann sah er sie.

      Die blonde Schönheit bei den Kindern am Brunnen...
      Am helllichten Tag ...
    • Die Sanftmütige
      und der Herumtreiber


      Kapitel 3: Der Moment

      Der Mann bedrohte jemanden. Er kauerte über ihm, hielt ihn zu Boden und hielt ihm ein Messer an den Hals. Die Augen des am Boden liegenden Mannes waren weit aufgerissen. Liaris wollte gerade einen Schritt nach vorne machen, da senkte der Mann das Messer. Sie seufzte beruhigt und ihre Muskeln entspannten sich wieder. Sie hat in dieser Stadt schon zu viele Leute sterben sehen. Nicht viele, aber auch nur ein Mensch ist zu viel.

      Plötzlich stand der kleine Taiko neben ihr und zupfte zögernd an ihrem smaragdgrünen Kleid, . „Was passiert da, gnädige Frau?“, fragte er leise, fast flüsternd. Sie schaute wieder zu den beiden Männern und die Menschenmenge die sich langsam um die beiden versammelten. „Ich weiß es nicht.“ Die Hand des Jungen griff noch immer nach dem Saum ihres Kleides. Der Mann mit dem Messer saß eine ganze Weile so über den Mann gebeugt. Dann hob er das Messer wieder. Liaris Herz schien für einen Moment auszusetzen. Doch der Mann legte das Messer nur auf die Wange des Mannes und schnitt leicht in sie ein. Er nahm etwas aus der Hand des Mannes und schmiss es einem dritten zu. Dann stand er auf, steckte sein Messer in seinen Stiefel und ging in ihre Richtung, den Blick auf den Boden gerichtet.

      Dann hob er den Kopf und sah ihr direkt in die Augen. Liaris zog die Luft ein. Sie wollte seinem Blick ausweichen und zur Seite schauen, doch etwas hielt sie davon ab. Der kleine Taiko machte indes einen Schritt zurück, die Hand ließ aber nicht von ihrem Kleid ab.

      Der Mann näherte sich ihnen weiter, er schwebte förmlich über dem Boden. Als er näher kam legte sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Dieses enttarnte einige Falten in seinem Gesicht, welche ihn nur noch interessanter machten. Sein hellbraunes Haar war nach hinten gekämmt und drei Narben schmückten sein Gesicht. Offenbar lebte dieser Mann gefährlich und ungebunden. Ob er den Mann wohl …

      Liaris schreckte aus ihren Gedanken auf. Der Mann stand inzwischen unmittelbar vor ihr, gerade mal eine Armlänge. Er neigte den Kopf leicht, seine Augen blieben aber weiterhin auf ihre gerichtet. „Einen schönen Tag wünsche ich.“ Sein Lächeln wurde etwas breiter. Liaris hingegen wusste nicht recht wie sie reagieren sollte. Dieser Mann hat gerade fast jemanden umgebracht, ihn möglicherweise ausgeraubt. Sie folgte Taikos Beispiel und ging einen Schritt zurück. „H... Hallo“, stammelte sie. Sie konnte ihre Nervosität nicht verheimlichen und augenblicklich hasste sie sich dafür. Der Mann hob eine Braue, dann verstand er und hob seinen Kopf wieder. „Oh, das.“ Er schaute über die Schulter. „Ihr haltet mich wahrscheinlich für einen Unmenschen.“ Er musste schmunzeln und blickte dann wieder zu Liaris. „Tatsächlich bin ich aber das Gegenteil. Ich habe nur dem Opfer eines Raubüberfalls geholfen und ihm seinen Besitz zurückgeholt.“ Er schmunzelte erneut. Auch Liaris konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Und das soll ich Euch glauben? Einfach so?“ Ihre Stimme war inzwischen wieder etwas gefestigt. Der Mann hob die Hände. „Nun ja... ich habe ihm weder etwas gestohlen, noch ihn ernsthaft verletzt. Wieso würde ihn ein schlechter Mann zu Boden ringen um so erfolglos abzuziehen?“ Er grinste.

      Liaris war vorsichtig. Normalerweise. Doch die Erklärung des Mannes erschien logisch und .. er hatte etwas Interessantes an sich. Er hob eine Hand: „Thyadar.“ Sie schaute auf seine Hand und dann wieder in sein Gesicht. Nach einem kurzen Zögern griff sie nach ihr. „Liaris“. Thyadars Lächeln wurde heller. „Sehr erfreut.“

      „Was habt Ihr mit ihm gemacht?“. Jetzt meldete sich Taiko zu Wort und zeigte dabei auf den Mann, der noch immer am Boden lag. Thyadar schaute nochmals in seine Richtung und zögerte einen Moment bevor er sich wieder zu dem Jungen umdrehte: „Der Mann hat jemanden ausgeraubt und ich habe ihm nur gezeigt, dass sich so etwas nicht gehört. Also solltet Ihr es lieber auch nicht tun.“ Er hob spielerisch warnend einen Finger.

      Liaris beobachtete ihn leicht von der Seite. Er war groß und sein Oberkörper gut gebaut. Er trug ein eng anliegendes, blaues Lederhemd und eine dazu passende Hose in schwarz. Auch seine Beine waren gut trainiert. Womit auch immer dieser Mann sein Geld verdiente, jeder Teil seines Körpers spielte dabei eine Rolle. Sein Gesicht war sehr markant, doch wenn er lächelte wirkte es sehr weich. Seine Augen waren das Auffälligste an ihm. Diese tiefen, blauen Augen.

      Plötzlich hörten sie eine Frauenstimme über den Platz schreien. „Taiko, Ilya, Sia, kommt ihr wohl jetzt her?“ Sie war hart und kratzig. Sie sahen alle in die Richtung aus der die Stimme kam und sahen eine Frau mittleren Alters, welche einige Schritte von ihnen entfernt stand. Sie trug eine dreckige Schürze und darunter ein altes, rotes Stoffkleid mit ein paar Löchern. Sie war dürr und ihre Augen waren hart und auf die Kinder gerichtet. Die Hände hatte sie in ihre Seite gestemmt. „Sofort!“, bellte sie.

      Die Kinder zögerten kurz, dann umarmten sie alle nochmal Liaris, bevor sie mit den Äpfeln und Broten zu der Frau gingen. Die Frau sah die Speisen und schlug sie den Kindern aus der Hand, dann blickte sie hasserfüllt zu Liaris. Diese wich einen Schritt zurück schockiert über das was sie sah. „Sehen wir aus als bräuchten wir Hilfe? Als wären wir Leute die darum bettelten, dass Schnösel wie Ihr uns etwas zu Essen abdrücken?“ Ihre Stimme war laut, sie schrie fast. „Ihr seid doch alle gleich! Denkt Ihr stündet über uns, lacht hinter unseren Rücken und entspannt euch währenddessen vor Euren Kaminen! Ihr ...“

      Thyadar beachtete ihr Geschrei gar nicht. Er ging ruhig auf sie zu, bückte sich nach den Speisen und betrachtete sie kurz. Dann hob er alles auf, eines nach dem anderen, und rief kurz etwas Dreck ab. Er stand auf, mit allen Speisen in den Händen und ging zu der Frau. Sie sprachen miteinander, doch Liaris stand zu weit weg um es verstehen zu können. Nach einigen Worten nahm die Frau zögerlich die Äpfel und Brote entgegen, warf einen letzten abwertenden Blick auf Liaris und ging dann mit den Kindern zusammen weg.
      Offensichtlich zufrieden ging Thyadar lächelnd wieder zu Liaris. Diese stand mit leicht geöffnetem Mund da und versuchte zu begreifen was gerade passiert ist. „Seid Ihr so etwas wie ein Wunderknabe?“ Er musste leicht lachen. „Nicht, dass ich wüsste.“ Sie musterte ihn argwöhnisch. „Was habt Ihr zu der Frau gesagt?“. Er schaute sie mit übertriebener Unschuld an: „Gar nichts. Ich habe ihr nur klar gemacht, dass es nichts Falsches ist, Hilfe anzunehmen“ Ein Lächeln legte sich wieder auf sein Gesicht.

      Er verbeugte sich leicht. „Doch nun muss ich weiter, Mylady. Der Tag ist noch lang.“ Er lächelte ihr ein letztes Mal zu, ehe er sich umdrehte und von dannen ging. Sie nickte ihm zu, obwohl er es nicht mehr sehen konnte. „Auf Wiedersehen..“, sprach sie leise.

      Die Sonne stand im Zenit.

      Der Platz war von Licht erfüllt.

      Der Räuber ging nach Hause.
    • Die Sanftmütige
      und der Herumtreiber


      Kapitel 4: Märchenstunde

      Sie strich den Vorhang mit sachtem Druck zur Seite. Er enthüllte ein gemütlich eingerichtetes Zimmer, die Wände waren mit roter Tapete und der Boden mit dunklem Holz bekleidet. Im Raum standen mehrere Sessel vor einem entfachten Kaminfeuer. Zwischen den Sesseln stand ein kleiner Beistelltisch, auf welchem ein Pott mit heißem Wasser, zwei Gläser und Teebeutel lagen. An den Wänden standen diverse Schränke und Kommoden. Der Raum war abgedunkelt, die Fenster mit Vorhängen abgehangen. Die einzige Lichtquelle war das Feuer, welches eine angenehme Atmosphäre in den Raum warf.

      In einem der Sessel saß eine Frau. Ihre knochigen Hände griffen nach einem der Gläser. Dieses verschwand mit der Hand wieder hinter der Lehne. Liaris ging langsam einige Schritte auf den Sessel zu und um ihn herum. In dem Sessel saß eine alte Frau. Freya. Sie war eine alte Nachbarin von Liaris und sie schaute ab und an bei ihr vorbei um ihr zu helfen. Für gewöhnlich half Liaris ihr nur gelegentlich beim Putzen oder Lebensmittelbesorgen. Liaris legte Freya vorsichtig eine Hand auf die Schulter, um sie nicht zu verschrecken.

      Freya sah zu ihr auf und legte ihr bezauberndes Lächeln auf, um welches Liaris sie schon damals beneidete. „Liaris, meine Liebe.“ Freya versuchte unter größten Anstrengungen aufzustehen, doch Liaris drückte sie wieder zurück in den Sessel und beugte sich zu ihr herunter um sie zu umarmen. Die Hände der alten Dame legten sich in Liaris Nacken und drückten sie fest an sich. Dann drückte Freya Liaris einen Kuss auf ihren Kopf und ließ von ihr ab. „Setz dich doch, meine Liebe.“ Liaris folgte ihrer Aufforderung und goss sich heißes Wasser in ein Glas und tunkte danach einen Teebeutel hinein. Sofort färbte sich das Wasser dunkel, nachdem der Teebeutel die Wasseroberfläche erreicht hat.

      Sie rührte den Tee einige Male um und ließ ihn dann ziehen. Dann musterte sie Freya. Sie saß dort friedlich in einem alltäglichen Kleid und sah in das Feuer. Über die Jahre hinweg haben sich tiefe Falten in ihr Gesicht gelegt, doch ihre Augen waren jung wie vor Jahren. Liaris lehnte sich ein Stück vor, griff nach ihrer Hand und drückte sie leicht.

      „Wie geht es dir, Freya?“, fragte sie. Freya lächelte Liaris zu. „Ach, weißt du, junge Liaris, mir ging es schon mal schlechter.“ Sie lächelte breit. Freyas Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß. Das Feuer im Kamin ließ die Schatten der Möbel über die Wände tanzen. Eine Weile schwiegen beide. Liaris senkte leicht den Kopf. Freyas Zeit würde bald enden. Sie konnte es ihr ansehen. Sie wurde stetig schwächer und schwächer. Liaris hat sich schon vor langer Zeit darauf vorbereitet, doch jetzt wo der Zeitpunkt näher rückte, wuchs jetzt schon ihre Trauer und sie hatte Angst vor dem Moment, wo die alte Dame nicht mehr vor ihrem Kamin sitzt und Liaris mit einem Tee erwartet.

      Schon als Liaris als junges Mädchen mit ihren reichen Freunden durch die Stadt tollte und spielte, hat Freya ihnen stets Orte gezeigt, welche ihre Eltern ihnen nie erlaubt hätten und erzählte ihnen Geschichten über Trolle, Drachen und mutige Helden. Viele Nachmittage verbrachten die Kinder ruhig bei Freya, liegend auf dem Teppich zu ihren Füßen und lauschten aufmerksam ihren Worten. Die Kinder hatten stets Respekt vor Freya. Sie war die einzige Frau in ganz Pandämonium, welcher sie keine Streiche spielten.

      Auch jetzt saß Freya in ihrem Sessel und strahlte eine Ruhe, Weisheit und Freude aus. Sie haben nie darüber gesprochen, doch Liaris wusste, dass Freya sich mit ihrem baldigen Ableben abgefunden hat. Sie drehte ihren Kopf und schaute Liaris an.

      „Habe ich dir schon mal von den Weisen der vier Tore erzählt?“ Liaris überlegte kurz, schüttelte dann den Kopf. Wieder legte sich das bezaubernde Lächeln auf das Gesicht der alten Dame, als sie sich zweimal auf den Oberschenkel klopfte. Liaris schmunzelte, dann setzte sie sich vor Freya auf den Boden, legte einen Arm auf die Beine der alten Dame, legt ihren Kopf auf diesen und sah in das Feuer im Kamin.

      Die Flammen bewegten ihre tanzenden Körper zu dem Takt von Freyas Erzählung. Liaris folgte dem Lauf der Flammen mit ihren Augen. Immer wieder tanzten sie auf und ab, verschwanden unter dem Holz und stiegen dann wieder voller Stolz auf, um mit Liaris ihr Leben zu zelebrieren.

      Liaris spürte die streichelnde Hand von Freya auf ihrem Kopf und ihre weiche Stimme in den Ohren, welche ihr die Geschichte der Weisen der vier Tore erzählte. Sie schloss die Augen und erinnerte sich an die alten Zeiten. Sie als Kind in den Gassen Pandämoniums. Fangen, Verstecken und den Einwohnern Streiche spielend. Wie sie den Händlern Obst raubte, nur um eine Verfolgungsjagd zu spielen und die Ware dann wieder zurückzugeben.

      Wie ihre Eltern sie erwischten und sie eine Woche in ihr luxuriös eingerichtetes Zimmer sperrten um ihr diese Abarten von Unterhaltung abzugewöhnen.

      Wie sie am Teich saß, die Hand durch das Wasser strich und dabei Vögel beobachtete, welche sie schon immer wegen ihrer Freiheit bewunderte. Liaris wollte auch frei sein. Frei von den Regeln, den Vorschriften und Normen, frei von den Gewohnheiten und Benimmregeln der Vanahaller. Liaris wollte frei sein. Liaris wollte fernab von hier sein.

      Freyas Hand strich sanft über Liaris Kopf. Liaris öffnete wieder ihre Augen und beobachtete wieder die Flammen. Sie hörte Freya kaum zu. Sie genoss nur den Moment, in Gedanken ein Kind, wieder bei Freya, die ihr eine Geschichte erzählte und so ermöglichte für einen Moment frei zu sein. Es ist bemerkenswert was für eine Kraft eine Erzählstimme beinhalten kann.

      Alle Sorgen – weg.

      Alle Pflichten – weg.

      Alle Gegebenheiten – weg.

      Nur eine Stimme, die Ruhe und ein Feuer – da.

      Liaris hat zwar einige Fetzen der Geschichte auffangen können, doch mit den Gedanken war sie pausenlos woanders. Nur ein Wort wirbelte ihr durch den Kopf und knallte unentwegt gegen ihre Schädeldecke – Freiheit.

      Schon bald würde Liaris alle Pflichten ablegen, ihre Sachen packen und hinaus in die Wildnis zu ziehen. Sie hatte keine Ahnung was sie dort erwartete, doch ihr Wille war stark genug allen Gefahren zu trotzen.

      Freyas Worte schwebten durch die Luft, bahnten sich ihren Weg in Liaris Ohr und tänzelten zum anderen wieder hinaus. Die wenigsten hinterließen Spuren.

      Vielleicht hätte Liaris ihr aufmerksamer zugehört, hätte sie gewusst, dass dies die letzte Geschichte ist, die Freya jemals erzählte.
    • Die Sanftmütige
      und der Herumtreiber


      Kapitel 5: Nachts

      Das Knacken von verbrennendem Holz war das Erste was er wahrnahm, nachdem er aufwachte. Um ihn herum sangen die Grillen ihr Lied. Der Baumstamm, an den er seinen Kopf lehnte, verursachte ihm langsam Schmerzen. Er öffnete die Augen und richtete sich auf.

      Neben ihm prasselte das Lagerfeuer, welches sein Bruder entfacht hatte. Er sah einige Zeit in das Feuer und seine Gedanken schweiften zu Liaris hab. Die blonde Schönheit, welche er am Teich des Pandämoniumplatzes kennenlernte. In den letzten Tagen dachte er sehr oft an sie. Er kannte sie kaum, doch alleine durch die paar Worte die sie sprach, wie sie sich bewegte, gab sie ihm allen Grund ständig an sie zu denken.

      Thyadar sah sich um. Sein Blick blieb bei seinem schlafenden Bruder haften. Er lag auf der Seite, den Rücken zu ihm gedreht. Er schlief auf dem kalten Boden, wie Thyadar auch, und versuchte die Erschöpfung der langen Wanderungen zu vertreiben.

      Sein Bruder war einige Jahre jünger als Thyadar. Sie verdienten ihr Geld indem sie Söldner-Aufträge erfüllten. Jahrelang hat Thyadar schwer gearbeitet, doch jetzt ist er der zuverlässigste und beste Söldner. Er vermied es inzwischen sogar sich Söldner zu nennen. Im Gegensatz zu anderen Söldnern hatte er die Möglichkeit ein Geschäft auszuschlagen. Er konnte es sich leisten. Grundsätzlich nahm er nur Aufträge an die er für moralisch korrekt hielt. Er war keine willenlose Marionette. Er konnte es sich leisten. Seine Kunden zahlten viel, doch sie wussten, dass seine Arbeit es wert war. Manchmal half ihm sein Bruder. So auch jetzt.

      Wieder ein Knacken des Feuers und einige Funken die ihm entsprangen, ein kleiner Vorstoß des Feuers irgendwo etwas anzuzünden und sich auszubreiten. Der Funke landete auf seines Bruders Schärpe, verglühte aber noch bevor ein Feuer entstehen konnte. Sein Bruder zuckte leicht hin und her und murmelte unverständliche Laute.

      „Ayein.“ Sein Bruder zuckte weiter und sein Murmeln wurde lauter. „Ayein!“, sagte Thyadar jetzt etwas lauter. Noch immer wachte sein Bruder nicht auf. Thyadar nahm einen kleinen Stein und warf ihn seinem Bruder in den Rücken. Ayein wirbelte herum, hockte dort auf allen Vieren und schaute sich panisch um. Dann blickte er verschlafen zu Thyadar.

      „Wieder derselbe Traum?“ Ayein rieb sich den Schlaf aus den Augen und nickte. „Er lässt mich einfach nicht los..“
      „Schlaf weiter. Ich wecke dich, sollte er wiederkommen.“ Ayein nickte dankbar und legte sich dann wieder auf den kalten Boden. Nach kurzer Zeit konnte Thyadar hören wie sich sein Atem wieder etwas beruhigte und Ayein einschlief.

      Thyadar lehnte sich zurück und stützte sich auf seine Ellbogen. Er besah sich den Himmel. Den klaren Himmel mit seinen tausenden von Sternen, die auf ihn hinunter lachten. Der Mond, groß, majestätisch und hell, ihnen immer den Weg weisend, wenn sie nachts wanderten. Eine Sternschnuppe schoss über den Himmel. Thyadar schloss die Augen und wünschte sich im Stillen Liaris wieder zu sehen. Er war ein genügsamer Mensch. Er hatte alles was er brauchte und fast alles was er wollte. Was ihm fehlte war nicht für Kinah zu bezahlen.

      Er stand auf und streckte sich. Nachdem er sich noch einmal überzeugt hatte, dass sein Bruder ruhig schlief, ging er langsam und leise von dem Feuer weg in Richtung des großen Sees, an welchem sie vorhin vorbeikamen. Die Nacht war ruhig, bis auf das Zirpen der Grillen und das Rascheln des Grases, durch das Thyadar stapfte, war absolut nichts zu hören. Der Mond schien hell genug um Thyadar einen großartigen Blick über das gesamte Tal um den See zu ermöglichen.

      Langsam ging Thyadar auf das Ufer des Sees zu und ging in die Hocke. Leicht ließ er seine Hand durch das Wasser gleiten, woraufhin das Wasser leichte Wellen schlug. Er seufzte zufrieden und lächelte. Das Wasser war sehr kalt und betäubte seine Hand. Und doch fühlte es sich gut an.

      Ayeins Traum verfolgte ihn nun schon Monate. Thyadar wurde nervös. Es konnte sich nicht um einen normalen Traum handeln. Ayein hat schon mehrfach Träume gehabt, welche gewisse Zeit später wirklich wurden. So hatte er gesehen wie ihr Dorf überfallen worden ist, wobei ihre Eltern umgebracht worden sind, wie sie eines Nachts bei der Rast überfallen worden sind und wie ein Mann versuchte sie mit gefälschten Karten über den Tisch zu ziehen.

      Doch der Traum, von dem Ayein ihm nun erzählte, war derjenige, welcher Thyadar Sorgen bereitete.

      Ayein erzählte wie er auf einem Hügel stand, saftiges Gras umschmeichelten seine Beine und eine Brise schlug ihm seine Haare ins Gesicht. Thyadar stand neben ihm. Sie beobachteten ein Dorf, in dessen Mitte ein großes Feuer entfacht war. Die Dorfbewohner versammelten sich darum, Harken, Besen und Fackeln schwingen, als eine Frau mit geknebelten Händen mit Tritten, Schlägen in den Rücken und Schikanen zum Feuer getrieben wurde. Die Dorfbewohner schrien und feierten als sie die Frau sahen. Die Menge öffnete sich und machte der Frau den Weg zum Feuer frei. Die Frau hatte den Kopf gesenkt und folgte widerwillig.

      Thyadar beobachtete die Szene ebenfalls und Ayein konnte sehen, dass Thyadar bei dem Anblick der Frau litt. Doch er musste sich zurückhalten und durfte nicht helfen. Das wusste Ayein, auch wenn nicht, warum. Thyadars Zähne waren zusammengebissen und seine Stirn in Falten gelegt. Ayein schaut wieder herunter zum Dorf.

      Die Frau war mit den Dorfbewohnern, welche sie trieben, inzwischen am Feuer angekommen. Zwei weitere Dorfbewohner kamen mit einer Leiter angelaufen und legten diese neben die Frau. Mit Schlägen brachten sie die Frau dazu sich auf die Leiter zu legen. Die Augen der Frau strahlten Hoffnungslosigkeit aus. Sie hat aufgegeben. Ihre Lust am Leben ist erloschen und diese Nacht würde ihre Letzte sein.

      Die Dorfbewohner banden die Hände und Füße der Frau an der Leiter fest. Sie verzerrte ihr Gesicht vor Schmerz, als die Seile viel zu fest gezogen wurden. Je ein Dorfbewohner an den Enden der Leiter nickten sich zu. Ayein konnte sich schon vorstellen was jetzt passierte. Die schlimmste Vorstellung dessen, sein Leben zu verlieren. Die zweifellos längste und dabei qualvollste Art zu sterben. Bei lebendigem Leibe verbrennen.

      Die Flammen des Feuers loderten hoch in den Himmel. Es bäumte sich geradezu bedrohlich vor der Frau auf, bereit sie zu verschlucken und in sich zu ziehen. Die beiden Dorfbewohner hoben die Leiter hoch. Ayein schaute zur Seite. Er wollte es nicht sehen, er wollte nicht hier stehen und nicht helfen können. Thyadar und ihm waren die Hände gebunden. Dann hörte er einen lauten Frauenschrei. Den Nächsten. Immer wieder schrie sie, während ihre Haut langsam verbrannte und der Ruß in ihre Lungen wanderte.

      Dann wachte Ayein immer auf. Thyadar machte sich nie viel aus dem Traum, egal wie oft Ayein ihm davon erzählte. Erst seit einiger Zeit machte ihn dieser Traum nervös. Und zwar nervöser als alles andere auf der Welt. Und Angst. Sobald er an den Traum, von dem ihm sein Bruder erzählte, dachte, packte ihn die pure Angst.

      Ayein bezeichnete die Frau als „blonde Schönheit im smaragdgrünem Kleid“.
    • Die Sanftmütige
      und der Herumtreiber


      Kapitel 6: Übefall

      Thyadar ließ sich noch einmal alles durch den Kopf gehen, was passiert ist. Vor etwa zwanzig Tagen hat er Liaris kennengelernt. Vor etwa zehn Tagen hat Ayein ihm von dem Traum erzählt. So sehr Thyadar ihn auch ausfragte, Ayein konnte ihm nichts sagen, was in etwa auf die Zeit schließen lässt, wann dieser Traum sich erfüllen sollte. Im Grunde konnte er also nur warten, sein Wissen über den Traum war zu gering, als dass er es abwenden könnte. Er konnte sich nur, so gut es geht, darauf vorbereiten, um Liaris zu retten.

      Doch dann wurde Thyadar aus seinen Gedanken gerissen. Hinter ihm hörte er in der Ferne einen dumpfen Schlag. Er stand auf und drehte sich um. Das Geräusch kaum aus der Richtung ihres Lagers! Er spurtete los, seine Beine schwebten scheinbar über dem Boden, er schoss durch das kniehohe Gras, sein Atem wurde stetig schwerer. Er wollte sich nicht vorstellen, was gerade passierte, was für Gefahren drohten und was mit Ayein geschehen könnte, wenn er nicht rechtzeitig ankam. Das Licht des Lagerfeuers zog ihn geradezu dort hin. Er war nur noch wenige Dutzend Meter von dem Lager entfernt. Er sah dort zwei Männer stehen, über Ayein gebeugt, welcher sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmte. Er hielt sich den Bauch.

      War es eine Wunde? Haben die Männer ihn verprügelt? Oder haben die Männer ihm eine Klinge in den Magen gerammt? Thyadar konnte sich gar keine Gedanken darum machen, sein Kopf war komplett leer, das einzige was er in dem Moment wollte, war es Ayein zu retten, sicherzugehen, dass es ihm gut ging. Er kam den Männern immer näher, sie bemerkten ihn gar nicht. Und das war ihr Fehler. Thyadar stieß sich mit beiden Beinen vom Boden ab. Er landete Rücklings auf dem Rücken des über Ayein gebeugten Mannes, legte seinen Arm um seinen Hals und wirbelte ihn durch den Schwung durch die Luft, woraufhin er mit lautem Knall auf den Steinboden landete.

      Der andere Mann, welcher die Situation in der kurzen Zeit wohl nicht richtig einschätzen konnte, wollte gerade seine Waffe ziehen. Bevor er das schaffte, hatte Thyadar seinen Dolch bereits gezogen und ihn durch den Hals des Mannes gebohrt. Ein lautes Gurgeln entfuhr ihm, bevor er mit beiden Händen um Thyadars Arm griff und ihn mit letzter, verzweifelter Kraft von sich wegdrücken wollte. Thyadar hatte in dem Moment keine Gefühle. Kein Mitleid, kein Erbarmen, kein Ekel vor dem Blut des Mannes, welches über Thyadars gesamtes Gesicht spritzte. Ab und zu blinzelte er, damit das Blut ihm nicht in die Augen lief.

      Der Mann gurgelte noch immer. Sein Griff um Thyadars Arm wurde schwächer. Thyadars Mine verfinsterte sich, sie war wutverzerrt, bevor er den Dolch mit einem Ruck aus dem Hals zog, woraufhin der Mann zu Boden sank. Thyadar hörte ein leises Stöhnen hinter ihm. Der Mann, welchen er zu Boden geworfen hatte, stand langsam auf. Thyadar sah es nur aus dem Augenwinkel, da hatte er schon ausgeholt und dem Mann den Dolch in die Stirn geworfen. Die Augen des Mannes waren leer und weiß, als er nach oben auf den Griff des Dolches schaute, welcher aus seiner Stirn hervorragte. Er hob kurz seine Hände nach oben, dann fiel er in sich zusammen und blieb regungslos auf dem Boden liegen.

      Thyadar machte einen Satz zu seinem Bruder. Er lag noch immer seinen Bauch haltend auf dem Boden zusammengekauert. „Ayein!“ Er schüttelte ihn. „Ayein! Geht es dir gut?“ Ayeins Augen öffneten sich und er lächelte zu seinem Thyadar auf. „Bruder...“ Er hob eine Hand und führte sie zu Thyadars Arm. Die Hand war blutverschmiert. Erst jetzt bemerkte Thyadar die Blutlache um seinen Bruder herum. Ihm stockte der Atem. Sie waren mitten in der Wildniss, im Nirgendwo. Wo sollten sie hier Hilfe finden um Ayein notdürftig zu verarzten?

      Er nahm Ayeins Hand und legte sie auf den Boden neben ihm. Er musste nun gelassen sein, er durfte Ayein nicht das Gefühl geben, dass er hilflos war. Er durfte Ayein keine Angst machen. Sie würden es schaffen, daran musste er selbst glauben. „Bleib ganz ruhig, kleiner Bruder, wir kriegen das hin.“ Er legte seinem Bruder eine Hand auf die Schulter und drehte ihn vorsichtig auf den Rücken. Ayeins Gesicht verkrampfte sich kurz. Die Schmerzen mussten unerträglich sein. Thyadar besah sich die Wunde: Sie war sehr tief. Die Klinge musste bis zum Griff in Ayeins Rumpf gebohrt worden sein. Thyadar legte seinem Bruder die Hand auf die Stirn. „Wir kriegen das hin.“ Wiederholte er ruhig.

      In seinem Kopf sah es aber anders aus. Er war ganz und gar nicht ruhig, er kämpfte innerlich mit sich selbst. Was sollte er nun tun? Er war kein Heiler und hat niemals etwas dieser Art gelernt. Er konnte Kratzer und alltägliche Wunden notdürftig behandeln, aber das? Er geriet in Panik, musste dabei aber äußerlich einen ruhigen Anschein bewahren. Er sah sich um, in der Hoffnung etwas zu finden, das ihm weiterhalf. Das Einzige was er sah, war ein Messer auf dem kalten Steinboden. Es war blutgetränkt. Das musste das Messer sein, welches in Ayeins Magen gestoßen worden ist.

      Ayeins Atmung wurde unregelmäßig, er atmete laut und heftig, doch der Atem passte sich keinem Rhythmus an. „Es tut so weh..“, presste er heraus. „Wir kriegen das hin...“, sagte Thyadar erneut, doch das glaubte er sich selbst nicht. Er bangte um das Leben seines Bruders. Ayein drehte seinen Kopf in Thyadars Richtung und lächelte ihn an. „Wir kriegen das hin.“, sprach er ihm nach. Dann aber wich das Lächeln einem schockierten Ausdruck. Seine Augen weiteten sich und Thyadar hörte hinter sich schnelle Schritte. Die Schritte waren sehr nah und Thyadar wusste in diesem Moment, dass er nicht schnell genug würde ausweichen können. Unter die Schritte mischte sich ein hasserfüllter Schrei.

      Doch dann zuckte ein Blitz vom Himmel und schlug direkt in den Mann ein. Verbrutzelt und mit einigen Flammen auf seiner Robe lag der Mann auf dem Boden. Thyadars geweiteten Augen ruhten auf dem Mann. Ein Blitz? Einfach so? Dann hörte er ein weiteres Paar Schritte, welche rechts von ihm langsam näher kamen. Reflexartig griff er nach seinem Dolch, doch der steckte noch immer in dem Schädel einer Männer. Dann fiel ihm das blutverschmierte Messer neben ihm ein. Er rollte sich zur Seite ab, nahm dabei das Messer, und sah hockend in die Richtung aus der die Schritte kamen. Ein Blitz. Was würde auf ihn zukommen? Ein Magier? Magier waren hier durchaus selten, aber nicht ausgestorben. Gegen einen Magier hätte Thyadar nicht den Hauch einer Chance. Er hat zwar von vielen Leuten Tricks erfahren, wie man gegen einen Magier kämpfen und siegen könnte, doch würden ihm diese nun weiterhelfen? Neben ihm lag sein Bruder, noch immer seine Wunde haltend. Auch er sah in die Richtung, aus der die Schritte näher kamen. Thyadars Griff um das Messer festigte sich. Was auch immer sich ihm gegenüberstellen würde, er würde kämpfen. Er würde jede Chance nutzen, die sich ihm bot um sich und seinen Bruder in Sicherheit zu bringen. Seinen Bruder zu verarzten und sein Leben zu retten.

      Thyadar schaute in die Dunkelheit. Die Schritte kamen weiterhin näher, sie erzeugten in dem Tal ein lautes, hallendes Echo. Wie das Ticken einer Uhr ertönten die Schritte. Eine Schweißperle lief Thyadar über die Schläfe die Wange herunter. Auch sein Griff um das Messer wurde langsam schwitzig. Er hockte neben dem Lagerfeuer und war bereit jederzeit auf seinen Gegner loszuhechten.

      Dann kam die Person in den Schein des Lagerfeuers.

      Erstaunt sah er in Liaris Augen.

      „Wir müssen uns beeilen. Es werden mehr kommen!“