Verblasste Vergangenheit

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    • Verblasste Vergangenheit

      Grüßle,

      wie in meinem vorherigen Thread erwähnt, verfasse ich nun eine Geschichte im Stil des Ich-Erzählers. Da dies mein erster
      Vorstoß in diesen Stil ist, möchte ich euch herzlich bitten bei eurer Kritik ehrlich zu sein. Und solange sie konstruktiv ist, dürft ihr auch sehr weit ausholen. Ich kann das ab.

      Nun aber Schluss mit dem Off-Topic, viel Spaß beim Lesen ;)

      Gruß
      - T


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      "Wenn es um die Vergangenheit geht, mogeln wir alle beim Mischen."
      Stephen King, Wahn, 2008




      Der süße Geschmack des Weines vom Vorabend. Das war das Erste was mir bewusst wurde, nachdem ich die Augen aufschlug. Mein Blick traf auf das rote Samt des Zeltes in dem ich lag, welches von einer kleinen Fackel zu meiner Linken beleuchtet wurde. Als ich mich aufsetzte konnte ich ein klares Lächeln auf meinen Zügen spüren. Doch es dauerte etwas bis mir wieder in den Sinn kam, was mir solch eine Freude bereitete. Die Feier am Vorabend war lang, das Gegröhle laut, die Stimmung heiter. Denn wir hatten es endlich geschafft. Nach Monatelangen Schlachten konnten wir die Zombies in Brusthonin endlich besiegen. Die Gewissheit nahmen wir aus den regelmäßigen Kontrollgängen durch das Land. Zwar konnten wir das Nest bis heute nicht finden, doch es streunen nun keine Zombies mehr durch die Nacht. Daher gehe ich davon aus, dass es nie wirklich ein Nest gab und wenn doch war es so klein, dass wir es ausgelöscht haben ohne dass es uns klar war.

      Neben meinem Bett stand auf einem kleinen Tisch eine große Schale mit Obst. Einige Weintrauben lächelten mich an und luden mich ein mich an ihnen zu bedienen. Ich tat ihnen den Gefallen. Und während meine Zähne den süßen Saft der Traube in meinen Mund pressten, wurde mir etwas klar. Ich konnte endlich nach Hause. Würde endlich meine Frau wiedersehen und meine Tochter in meine Arme schließen. Zwar hatte ich diese Gewissheit bereits am vorigen Abend, doch zu diesem Zeitpunkt realisierte ich es kaum. Es war wie in einem Traum: Du bekommst mit was passiert, doch es fühlt sich an als geschehe es einem Anderen und du seist nur ein stiller Beobachter. Doch nun realisierte ich es: Ich werde nach Hause gehen. Ich lehnte mich über das Bett und griff darunter, zog eine Zeichnung hervor und betrachtete sie.

      Die Zeichnung zeigte eine junge Frau in einem hellen, eng anliegenden Kleid. Ihre dunklen Haare lagen elegant über ihre Schulter und sie lächelte, auf dem Arm hielt sie ein Mädchen, welches ihr unverkennbar ähnlich sah. Das Mädchen strahlte und streckte freudig ihre Arme in Richtung des Zeichners aus, so als wolle sie ihn in die Arme schließen. Da ich derjenige war der dieses Bild zeichnete, berührt es mich immer besonders. Zu sehen wie meine Tochter ihre Arme um mich legen will und ihre Augen leuchten als sie zu mir herüber schaut. Zwar war ich kein guter Zeichner, doch meine Fähigkeit reichte glücklicherweise weit genug um eine der schönsten Emotionen festzuhalten: Liebe.

      Tränen der Freude drängten sich in meine Augen und ich kämpfte nicht dagegen an. Mein Lächeln wurde breiter, meine Ungeduld wuchs. Im Morgengrauen würden wir die Zelte abbauen, das Gepäck verstauen und einige Männer anheuern, um das Gepäck zu transportieren. Doch die Zeit bis dahin erschien mir ewig und auch der Weg selbst würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich verstaute die Zeichnung wieder unter dem Bett, vorsichtig wie immer. Es war Monate her, dass ich die beiden gesehen hatte. Ich stand auf, streckte mich und begab mich in Richtung Zeltausgang, wo ich den schweren Samt zur Seite streifte. Ich blickte auf das Lagerfeuer, welches noch immer Licht und Wärme spendete. In unmittelbarer Nähe zum Feuer, an einem Baumstamm gelehnt und eine Flasche in der Hand, schlief einer meiner treuesten Männer. Ich schlenderte zu ihm herüber und setzte mich neben ihn, den Blick auf das Feuer gerichtet. Er wachte auf und sah verschlafen und blinzelnd zu mir herüber. „Fasir...“ Er strampelte sich auf und setzte sich kerzengerade hin, woraufhin ich beruhigend die Hand hob. Eine Geste die ich immer benutzte wenn wir alleine waren und ich ihm bedeuten wollte, dass die Formalitäten nicht nötig waren. In diesem Moment war ich nicht sein Hauptmann.

      Ich sah zu ihm herüber, legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte. „Wir haben es hinter uns. Morgen werden wir zurückkehren.“ Auch er begann zu lächeln. „Wer wartet daheim auf dich, Otes?“ Seine Augen leuchteten auf. Die Müdigkeit verschwand innerhalb eines Augenblickes aus seinem Gesicht und wich einem noch viel offeneren und ehrlicherem Lächeln. Eilig schob er eine Hand unter die Schulterplatte seiner Rüstung und zog ein zerknicktes und an den Rändern teilweise ausgefranstes Stück Papier hervor. Auch er hatte eine Zeichnung seiner Liebsten ständig bei sich. Er reichte es mir und ich sah darauf. „Sie ist wunderschön.“, sagte ich. Und das war sie. Die Zeichnung zeigte eine Frau in Otes Alter, mit hellen Locken die ihr den halben Rücken hinunter reichten. Sie schien zu tanzen, denn ihr Kleid wirbelte leicht durch die Luft und ihr Lächeln war von dem selben Strahlen wie das meiner Tochter auf der Zeichnung. Otes nickte und tippte auf die Zeichnung in meiner Hand. „Camisa“ Ich reichte ihm die Zeichnung wieder zurück. „Und morgen wirst du sie endlich wiedersehen.“ Er nickte lächelnd und steckte die Zeichnung wieder zurück unter seine Schulterplatte. Ich wünschte ich hätte dieses Versprechen halten können, doch Otes hat Pandämonium niemals wieder erreicht.

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    • Die Schneide des Schwertes war scharf. Von der Spitze bis zum Griff wurde das Schwert breiter, elegante Verzierungen schmückten die Klinge und hätte ich sie nicht regelmäßig gesäubert und gefettet, hätten die Blutreste die daran klebten die wahre Natur dieser Waffe gezeigt. Das ist die wahre Gestalt solcher schmuckvoller und schöner Waffen. Sie hängen über dem Kamin eines ehemaligen Hauptmannes und strahlen Stolz, Ehre und Leidenschaft aus, doch tatsächlich sind es Waffen die literweise Blut vergossen haben, Leben ausgelöscht und Träume vernichtet. Ob solche Waffen Gutes tun? Nun, ja. Das kann ich nicht leugnen, auch heute nicht. Aber so voller Vorsätze ein Rekrut auch ist und so viel Gutes er auch tun möchte – früher oder später wird das Blut Unschuldiger vergossen.

      Ich wog das Gewicht des Schwertes in meiner Hand ab und strich mit der Hand über die Verzierungen, bevor ich von dem Rascheln des samtenen Zelteinganges aus den Gedanken gerissen wurde. „Seid Ihr soweit, Hauptmann?“ Der Söldner blieb in respektvollem Abstand stehen und wartete geduldig meine Antwort ab. Das Schwert fand seinen Weg in seinen Kasten und diesen deponierte ich in meiner Tasche. Nach einem prüfenden Blick durch das Zelt nickte ich dem Söldner zu, drückte ihm einige Münzen in die Hand und ging mit einem Schulterklopfer an ihm vorbei nach draußen. Es herrschte aufgeregtes Treiben. Meine Männer packten ihre Sachen zusammen und bauten ihre Zelte ab, diejenigen Glücklichen unter ihnen welche ihre Arbeit bereits beendet hatten, saßen um die Feuerstelle der letzten paar Monate herum und unterhielten sich. Als ich all die zufriedenen und glücklichen Gesichter sah wurde auch mir warm ums Herz. Sie alle freuten sich auf ihr zu Hause und bei Aion, ich tat es auch. Nachdem ich mir ein Bild der Lage gemacht hatte und ein kurzes Gespräch mit dem Stallburschen über unseren Bestand an Pferden hielt, rechnete ich mit etwa einer Stunde bis wir aufbrechen konnten.

      Also setzte ich mich zu den drei jungen Männern an der Feuerstelle und schloss mich ihrem Gespräch an. Sie alle versuchten einander in der Schönheit ihrer Liebsten zu übertrumpfen, wobei ich mich zurückhielt und nur über den Ehrgeiz der jungen Leute schmunzelte. Bis einer der drei Männer seinen Blick auf mich richtete und mit vorsichtigem Respekt fragte ob ich auch eine Liebste hätte. Ich hielt zwei Finger in die Höhe und lächelte. Das Gesicht des Mannes sprach von überraschter Heiterkeit. „Gleich zwei? Das hätte ich wirklich nicht von Euch erwartet, Hauptmann.“ Ich kicherte leise. „Ihr missversteht mich. Ich rede nicht von zwei Geliebten, sondern von meiner Frau und meiner Tochter.“ Der kleinste Mann der Runde, Corvin, sah auf. „Ich erinnere mich. Ihr spracht einmal von ihr. Coruna, nicht wahr?“ Ich nickte. „Und so leid es mir auch tut, Männer, aber das Gefecht über die Schönheit unserer geliebten Frauen wird wohl für mich entschieden.“ Ein kurzes Lachen machte die Runde und wir unterhielten uns weiter, bis wir die Pferde sattelten und das Gepäck auf die Karren verluden. Diesen Ort hatten wir schon zu lange ertragen.

      Als ich ein Bein über den Pferderücken schwang und meinen Blick über die Männer meines Bataillons, welche bereits auf den Pferden saßen, schweifen ließ, bemerkte ich die fröhliche Aufbruchstimmung. Kaum einer der Männer schien sich Gedanken über den Weg zu machen der nun vor uns lag. Sie alle machten Späße untereinander, lachten und waren von Vorfreude erfüllt. Was, jetzt im Nachhinein betrachtet, besser war, als wenn sie alle meine Ungeduld geteilt hätten. Die Pferde scharrten über den Boden und schnaubten laut. Auch sie schienen, im Gegensatz zu meinen Männern, meine Ungeduld zu teilen. Ich stand an der Spitze der Gruppe und wartete bis die Söldner, die die Brax mit den schweren Karren führten, bereit waren. Als sie mir das Zeichen gaben, nickte ich ihnen zu und hob die Hand. „Los, Männer, auf uns wartet die Heimat!“

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    • Waaaaahnsin wieder toll geschrieben! :love:

      weis gar net was ich zu sagen soll, außer das ich mehr lesen will :3
      die "first Person" Schreibweise bekommst du wirklich gut hin, ich weis nicht warum du so Sorgen hattest.
      Alles in allem gibts von mir ein klares Daumen hoch und mach weiter so! :)

      lG Kimi
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    • Wir kommen nun zu dem Teil der Geschichte den ich bis zum heutigen Tag bedaure. Ich würde gerne behaupten ich hätte keine andere Wahl gehabt, doch das wäre eine Lüge. Diese Behauptung ist immer eine Lüge. Jeder von uns hat jederzeit eine Wahl, nur sind wir zu ängstlich, unsicher oder auch zu stolz um auf diese Wahl einzugehen. In meinem Fall kostete meine Wahl drei meiner Männer das Leben. Wie es ausgegangen wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte, kann ich natürlich nur raten, doch im Grunde gehe ich davon aus, dass diese drei Männer heute noch leben würden, hätte ich richtig gehandelt. Aber hinterher ist man immer klüger und man kann Tote nicht wieder lebendig machen, nicht wahr? Was mich an ihrem Tod am meisten enttäuscht, ist, dass zwar einige Tränen vergrossen worden sind, aber gerade mal zwei Jahre später wurde nie wieder über sie gesprochen. Als seien sie in Vergessenheit geraten. Das ist meine größte Angst. Ja, ich fürchte es sogar mehr als den Tod selbst. Aus diesem Grund schreibe ich diese Worte auf das alte Pergament, auf welchem meine, in Tinte getunkte, Feder kratzt. Zwar mögt Ihr mich nach meinem Geständnis für einen Unmenschen halten, doch so gerate ich immerhin nicht in Vergessenheit.

      Nachdem wir den langen Marsch gen Heimat begonnen haben, verlief dieser sehr ruhig. Meine Männer alberten umher und spielten kleine Spiele während sie ruhig den Weg entlang trabten. Wir ritten ohne Formation. Wir waren nur ein Bataillon mit Karren auf denen nichts weiter als Zelte verstaut waren, nichts von wert. Der wertvollste Besitz der Männer waren die Bilder von ihren Liebsten die sie dabei hatten. Nachdem mir Otes die Zeichnung seiner Frau gezeigt hatte, begann ich darauf zu achten, und tatsächlich reichten viele Männer ihre Bilder umher. Sie waren stolz auf Ihre Frauen und zeigten diese gerne herum, in der Hoffnung dem Ein oder Anderen würde beim Anblick die Kinnlade herunterfallen. Auch die Untoten stellten keine Gefahr mehr dar, denn diese hatten wir unschädlich gemacht. Ich dachte damals also wir hätten nichts zu befürchten und eine Formation wäre unnötig, wie auch eine Last in der Stimmung die an einen gewöhnlichen Ausflug erinnerte. Und diese Stimmung wollte ich nicht zerstören, die Männer fühlten sich frei von Pflichten und das hatten sie sich wirklich verdient. Doch hätte ich gewusst, was ich heute weiß, hätte ich die Männer in Formation reiten lassen, sie angewiesen ihre Schilder zu heben und die Klingen bereit zu halten. Doch Vergangenes ist vergangen, die Toten sind tot und so sehr ich es mir auch wünsche, ich kann nichts mehr daran ändern.

      Wir näherten uns einer Kreuzung und dort stand er bereits , ein großer Mann mit langem schwarzen Mantel und vor der Brust verschränkten Armen. Sein Blick war kühl, genau wie das Eisblau seines Auges und die Augenklappe, welche sein rechtes Auge verdeckte, bestärkte die unheimliche Wirkung die seine Erscheinung auf uns machte. Seine Aura strahlte Gefahr aus. Ich kann heute nicht mehr erklären warum, doch ich wusste mit einem Mal, dass dieser Mann eine Gefahr war. Doch ich ignorierte das Gefühl und trabte langsam an der Spitze der Kolonne auf den Mann zu. Ich hob die Hand, woraufhin mein Bataillon und die angeheuerten Söldner hinter mir stehen blieben und ließ mein Pferd bis auf wenige Meter Abstand auf den Mann zugehen. Ich musterte ihn ausführlich von Kopf bis Fuß, genauso wie er mich musterte. Dann sah er an mir vorbei und nickte in Richtung der Karren. „Was habt Ihr geladen?“ Ich hob eine Braue. Auch wenn wir Wertvolles geladen hätten, mein Bataillon zählte vierzehn Männer, er war alleine. Wir trugen alle schwere Plattenrüstungen und Schwerter und augenscheinlich war er unbewaffnet und trug nichts außer seinem Mantel. Mir kam flüchtig die Idee, dass er vorhaben könnte uns auszurauben und ein Grinsen huschte über mein Gesicht, als ich über sein Vorhaben als töricht abtat. „Wer möchte das wissen?“ Der Mann verzog keine Miene, ohne jegliche Regung antwortete er. „Ich“. Hinter mir hörte ich nicht das leiseste Geräusch. „Nichts das Euer Interesse wecken könnte.“ Er musterte mich erneut. „Keine menschlichen Körper?“ Ich stutzte. Menschliche Körper? Die Frage traf mich unerwartet und ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihn entgeistert ansah, was mir nicht hätte passieren dürfen. Ich brauchte eine kurze Weile um mich zu fangen. „Wie kommt Ihr darauf?“ Er zuckte mit den Schultern. „Nur so ein Gefühl.“ Ich zögerte. Ich wollte mich mit dem Mann nicht weiter befassen, ein ungutes Gefühl breitete sich in mir aus. „Nun, ich denke wir sind fertig.“ Ich hob die Hand und ich hörte das leise Scharren der Hufe über die Steine. Auch ich wies mein Pferd an sich zu bewegen und es ging an dem Mann vorbei. „Hauptmann.“ sagte er in einem Tonfall welcher mir gleicherweise einen Befehl erteilte, wie auch das Blut in den Adern gefrieren ließ. Das Gefühl der Gefahr hatte fast meinen kompletten Körper eingenommen. Ich fürchtete diesen Mann nicht, aber.. ich kann es auch leider heute noch nicht genau sagen. Irgendetwas machte er mit mir, er manipulierte mich, dessen bin ich mir heute sicher. Dieses Gefühl der Beklommenheit war nicht natürlich. „Wenn Ihr mir jetzt den Rücken zuwendet, werden Eure Männer das büßen.“ Ich wies mein Pferd an stehenzubleiben und sah über die Schulter zu ihm. Auch er sah über die Schulter und sein kühler Blick brannte sich in meine Augen. Ich atmete tief durch. Tatsächlich überlegte ich nicht, ich wusste genau was ich tun würde, doch auch ich wollt einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. Ich sah ihn eine Weile schweigend an, ehe ich weiter ritt und die Karawane mir folgte.

      Das war der Fehler den ich machte: Ich nahm diesen Mann nicht ernst und das kostete drei meiner Männer das Leben.

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    • Während wir uns fortbewegten habe ich mich noch drei mal umgedreht, um festzustellen ob uns der Mann verfolgte. Doch er stand noch immer da wie vorher: Den Blick über die Schulter auf mich gerichtet, die Arme verschränkt, sein sichtbares Auge kühl. Ich hatte die Befürchtung, dass ich dieses Gesicht noch öfter in meinen Träumen sehen würde und ich sollte Recht behalten. Jedoch nicht wie im erwarteten Sinne. Ich richtete meinen Blick wieder nach vorn und ließ ihn dann über die Landschaft streifen. Dann zog ich scharf die Luft ein. Auf einem Hügel, nur etwa hundert Schritt von uns entfernt, stand der Mann. Sein Auge war geschlossen und er hielt den Kopf gesenkt, die Hände bewegte er um eine schwebende, violette Kugel, welche in der Luft pulsierte. Obwohl absolute Windstille herrschte, flatterte der Saum seines Mantels leicht.

      Mich überrannte eine Gänsehaut, als mir klar wurde was hier passiert. Ich zog mein Schwert und sah über die Schulter zu meinen Männern: „Er ist ein verdammter Magier!“ Ich richtete den Blick wieder nach vorn, hob das Schwert zeitgleich mit meiner Stimme: „Bogenschützen!“ Dicht hinter mir hörte ich wie Pfeile gespannt wurden. Unterdessen konnte ich auf den Zügen des Magiers ein hämisches Grinsen erkennen, doch er sah noch immer nicht zu uns. Er schien sich voll und ganz auf diese Kugel zu konzentrieren, doch am Rande seines Bewusstseins hat er unsere Reaktion bemerkt. Als ich das Schwert in Richtung des Magiers schwang, folgten etwa ein Dutzend Pfeile. Der Magier zeigte keine Reaktion, doch kurz bevor die Pfeile ihn erreichten, prallten sie an einer unsichtbaren Barriere ab. Die Kugel war inzwischen größer geworden und es zuckten kleine Blitze um sie herum. Das Grinsen des Magiers wurde noch breiter, als er sein Auge öffnete und mich mit seinem Blick durchbohrte. „Ich habe Euch gewarnt, Hauptmann, Eure Männer werden es büßen!“

      Mit diesen Worten hob er die rechte Hand, welcher die Kugel folgte. Dann schlug er die Kugel auf das grüne Gras, worin sie vollkommen verschwand. Offensichtlich zufrieden richtete der Magier sich wieder auf. Ich verstand nicht was hier vor sich ging und auch nicht was der Magier vorhatte, doch ich hob mein Schwert und trat meinem Gaul in die Seite, woraufhin er sich im Galopp auf den Magier zubewegte. Der Magier hob belustigt eine Braue und fuhr mit einer Hand durch die Luft. Mit dieser Bewegung gab er meinem Gaul einen heftigen Seitenstoß, welcher ihn zur Seite schleuderte und mich von ihm herunter. Ich fiel vornüber auf den Boden, das grüne Gras schob sich in meinen Mund, mein Schwert glitt mir aus der Hand. Als ich mich aufraffen wollte, fühlte ich eine schwere Last auf meinem Körper. Ich konnte mich nicht bewegen, nichts außer meinen Kopf. Ich starrte wütend auf den Magier, welcher noch immer meinen Blick mit einem hämischen Grinsen erwiderte: „Diese Vorstellung ist für Euch, Hauptmann.“

      Er schnippte einmal mit den Fingern und ich wurde von seiner Magie in die Luft gehoben und in Richtung meiner Männer gedreht. Diese waren gerade dabei ihre Bögen neu zu bespannen. Ich konnte nur zusehen. Zusehen wie unter den Männern das Gras knickte, zu verschwinden schien und einer riesigen, violett pulsierenden Fläche wich. Die Männer sahen schockiert zu Boden. Sie versuchten sofort diesen Bereich zu verlassen und elf von ihnen schafften es. Ich sah wie Otes, Corvin und einer der Söldner zu Boden blickten, die pure Angst stand in ihren Gesichtern. Sie konnten ihre Beine offensichtlich nicht bewegen. Mit einem plötzlichen Ruck wurden sie nach unten gezogen und verschwanden in der Fläche, während sie mit den Armen ruderten und verzweifelt versuchten nach dem Rand der Fläche zu greifen. Ich versuchte mich zu bewegen, doch seine Magie war stärker als ich. Der Magier funkelte mich an. „Wir sehen uns wieder, Hauptmann.“ Die Fläche schloss sich und der Magier wurde in eine dichte Rauchwolke gehüllt. Als der Rauch sich legte, war der Magier verschwunden und so auch die Magie die mich in der Luft hielt. Ich fiel zu Boden und hörte ein lautes Knacken, als ein stechender Schmerz mein Bein durchzuckte. Gebrochen. Diese Plattenrüstungen sind längst nicht so leicht wie sie aussehen.

      Ein kühler Windhauch zog auf und ich konnte die Sonne auf meinem Nacken brennen spüren. Einige der Männer standen noch schockiert auf dem Weg, andere wischten verzweifelt über den Boden, in der Hoffnung die violette Fläche und unsere Kameraden so ausgraben zu können. Einer der Männer kam zu mir und führte mich zu meinem Pferd.

      In dem Moment habe ich zum ersten Mal als Hauptmann versagt.

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      An dieser Stelle einen großen Dank an meine Co-Authorin Aryssah,
      die mir immer mit ihren Tipps und Kontrollen weiterhilft.

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    • Bevor wir unsere mehrtägige Suche nach Corvin, Otes und dem Söldner begannen, wies ich meine Männer an Briefe für ihre Frauen zu schreiben. Sie sollten ihnen mitteilen, dass die Ankunft sich um einige Tage verzögere. Zwar durften sie den Grund nicht nennen - solche Briefe geraten zu schnell in die falschen Hände - aber ich verbot ihnen nicht diesen Briefen, sagen wir, eine persönliche Note zu geben. Die Briefe an die Frauen der Vermissten schrieb ich selber. Die restlichen Söldner waren des Schreibens nicht mächtig.

      Die Briefe wurden gefaltet, gebunden und mit den Namen der Frauen versehen. Ich wies die restlichen Söldner an die Briefe, gemeinsam mit unserem Gepäck, nach wie vor auf den Karren geladen, in unserer Heimat bei einem guten Freund von mir abzuliefern. Für ihn ist es kein Problem die Frauen ausfindig zu machen und die Briefe zu übergeben und ich wusste, dass ich mich auf seine Diskretion verlassen konnte. Außerdem schrieb ich einen kurzen Bericht über unsere Lage an die Garnison, ebenfalls mit der Nachricht, dass sich unsere Ankunft herauszögert, ich den Grund aber noch nicht nennen könnte.

      Die Suche begann in der Hoffnung, dass der Magier die Männer entführt hat und bisher unverletzt ließ. Und ich würde gerne berichten, dass wir die Männer nach kürzester Zeit gesund und munter gefunden und in die Heimat gebracht haben, wo sie schlussendlich, mit Freudentränen auf den Wangen, in den Armen ihrer Frauen lagen. Aber dies ist kein Märchen und ich bin kein kreativer Schreiberling, der sich mit dem Ausdenken romantischer Geschichten sein Brot verdient.

      Natürlich war die Entführung unser Wunschdenken, wir wussten nicht was passiert war, was der Magier mit den Männern vorhatte oder möglicherweise sogar schon getan hat. All unsere Hoffnung war, dass er die Männer entführt hat und wir sie schnell genug finden konnten, ehe ihnen Schlimmeres widerfährt. Tatsächlich haben wir alle Orte abgeklappert, die für einen Wahnsinnigen typisch wären, der Menschen durch Portale im Boden entführt. Doch nirgendwo haben wir eine Spur unserer Kameraden gefunden, sodass wir die Suche nach drei Tagen entmutigt abbrachen, um in unsere Heimat zurückzukehren. Der nächste Punkt auf meiner Liste war mit der Garnison die nächsten Schritte zu besprechen um die Männer, sofern möglich, gesund zu befreien und den Magier aufzuhalten, was auch immer er vorhat.

      Als wir Pandämonium erreichten, huschte ein kleines Lächeln über die Züge meiner Männer. Ich wurde von Gewissensbissen geplagt, als ich an die strahlenden Gesichter denken musste, die sie aufgelegt hätten, wenn ich das Übel hätte abwenden können. An die Männer, sobald sie die großen Tore der Stadt durchtraten, von den Pferden sprangen, auf ihre Frauen zuliefen, sie umarmten und küssten und ihnen leise „Ich habe dich so vermisst“ in das Ohr flüsterten. Doch so kam es nicht. Die Männer schlurften mutlos über die breite Steinstraße, die Köpfe hängend. Die Welle an Euphorie die sie hier erwartete, war auf einen kleinen Funken der Hoffnung verdünnt und wurde eher als Trostpflaster gehandhabt, als eine gerechte Belohnung für die Mühen, die sich die Männer in den letzten Monaten aufgenommen haben. Am liebsten hätte ich mein Pferd beim Stallmeister abgegeben, mich auf direktem Wege zu meinem Haus begeben, meine Frau und meine Tochter in die Arme geschlossen, mich in mein Bett und das gebrochene Bein hochgelegt und das alles vergessen.

      Doch es gab noch etwas das ich tun musste, denn nicht alle erwarteten Männer kamen hier an. Als eine Frau, die mir auf merkwürdige Art und Weise bekannt vorkam, auf unseren Trupp zukam, die Reihen mit einem Blick durchstreifend, der erst von Freude sprach, dann Verwunderung wich und schließlich trauerndes Begreifen widerspiegelte, wurde mir klar, dass ich nicht der Einzige sein würde, der unter dem Verlust der Männer leiden würde. Ich stieg von meinem Pferd, drückte einem meiner Männer die Zügel in die Hand und humpelte auf Camisa zu, immer wieder die Worte durchgehend, die ich mir auf der Reise zurechtgelegt hatte, ehe ich ihr sagte, dass etwas passiert war.

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    • Hallöchen zusammen,

      kurz zwei Sachen.

      A.) Vielen Dank für das ganze Feedback. Es macht doch um Einiges mehr
      Spaß wenn man merkt, dass das was man fabriziert gut ankommt und man sogar
      Stammleser sammelt ;)

      B.) Ich bin von morgen bis Freitag im Krankenhaus. Dort habe ich wohl viel Zeit
      um einerseits liegengebliebenes aufzuholen und aber auch diese Geschichte
      weiterzuschreiben. Wenn alles so funktioniert wie ich hoffe, wird es also eventuell
      gar Kapitel regnen ;)

      Danke und bis dahin
      - T
    • Leider ging es nicht soooo schnell wie ich es versprochen hatte, aber naja.
      Gestern habe ich mich hauptsächlich um das Layout und die Gestaltung des Dokuments
      gekümmert, was ihr jetzt leider (noch) nicht sehen könnt, aber vielleicht verzeiht ihr mir ja :P

      Ich habe allerdings Kapitel-Header angefertigt (die, wie ich grad sehe, im Dokument deutlich
      besser rüberkommen als hier) und je nach dem wie die sich hier im Forum
      machen, werde ich die weiterhin nutzen. Jetzt ohne große Umschweife, das neue Kapitel.
      Happy Reading






      Es war bereits dunkel, als ich mich dem Haus, das Coruna und ich vor einigen Jahren von einer freundlichen, alten Dame gekauft haben, näherte und die Schultern hängen ließ. Ich dachte an Camisa und an die Frau Corvins. Sie beide waren aufgelöst, die Tränen flossen über ihre Wangen und zerschellten auf dem Steinboden, während ich ihnen immer wieder versprach, dass wir alles in unserer Macht stehende tun würden um ihre Männer zu finden und zurückzubringen. Doch das tröstete die beiden Frauen kaum. Sie haben ihre Männer verloren. Und in solchen Momenten ist unser Wahrnehmungsvermögen getrübt, wir sehen alles durch den pechschwarzen Vorhang der Hoffnungslosigkeit und sind felsenfest davon überzeugt, dass es niemals besser werden würde. Während dem Gespräch fühlte ich mich elend. Ich sah ständig zu Boden, auch während ich erzählte was genau passiert war, war ich nicht imstande den traurigen Blicken der Frau standzuhalten. Mein Gewissen bedrängte mich, tänzelte missbilligend vor meinem inneren Auge und lachte mich aus. Es ist deine Schuld, schrie es. Zuerst wehrte ich mich gegen das Gefühl der absoluten Wertlosigkeit, doch letzten Endes zwang mich mein Gewissen in die Knie. Auch ich begann mit den Tränen zu kämpfen, doch nicht aus Trauer über die verlorenen Männer, sondern über meine eigene Unfähigkeit, über mein Versagen. Und ich hasste mich dafür.

      Auch die Frau des Söldners habe ich besucht. Doch nach wenigen Sätzen brach in ihr ein Feuer der Wut aus und alles was ich sagte schürte es nur größer und explosiver. Sie griff nach einem Besen und prügelte mich aus dem Haus, während sie mich mit den schlimmsten Beleidigungen bewarf, die ich je hörte. Nun, das hatte ich verdient.

      Ich stand vor dem Haus, in dem meine Frau und meine Tochter auf mich warteten, fand dort noch einige Besenspäne in meinen Haaren und gab mir Mühe die Ereignisse der letzten Tage zu vergessen. Ich wollte meiner Familie gegenübertreten, mich freuen und ihr ganz und gar hingeben. Keine verlorenen Männer im Hinterkopf. Kein Magier, der sie in die Tiefen seines Portals zog. Kein Gewissen, welches vor meinem inneren Augen tanzte und mich auslachte. Ich sank auf die Knie. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war erledigt. Mein gebrochenes Bein schmerzte, aber ich beachtete es kaum. Meine Gedanken waren auf das Geschehene fokussiert und ich wusste, dass ich all das nicht würde vergessen können. So kniete ich dort, während der Sog des Selbstmitleids mich immer weiter Richtung Boden riss. Bis ein dünner Lichtstrahl mich aus den Gedanken riss. Die Tür des Hauses war geöffnet und ich konnte ein junges und verschrecktes Paar Kinderaugen sehen, die mich fokussierten und im Dunkeln zu erkennen versuchten. Und mit einem Mal wischte der Freudenblick meiner Tochter, die mich soeben erkannt hatte, die Tür aufstieß und herausrannte, den schwarzen Vorhang von mir und trug ihn weit hinter mich. Meine Tochter lief mit ihrem strahlendsten Lächeln auf mich zu, streckte mir die Arme entgegen, wie sie es auch auf der Zeichnung tat und als sie mit ihrer jungen Stimme, die immer quietschig hoch war, wenn sie sich freute, „Vater“ rief, merkte ich wie sich ein kleiner Riss in meinem Herzen bildete.

      Und tatsächlich vergaß ich alles. In diesem Moment gab es nur eines was mir wichtig war – meine Tochter in die Arme zu schließen. Sie lief auf mich zu und ich wollte ich hätte die Zeit verlangsamen können um diesen Moment mehr zu genießen, der Anblick wie meine Tochter voller Freude auf mich zulief um mich zuhause willkommen zu heißen. Sie setzte einen Fuß vor den anderen und schien beinahe zu schweben. Als sie mich erreichte, legte sie ihre Arme um meinen Hals und ihren Kopf lehnte sie an meine Brust. In dem Moment als sie gegen mich knallte, wäre ich beinahe nach hinten gefallen, doch ich schaffte es, trotz meinem Bein, welches sich lauthals beschwerte, das Gleichgewicht zu halten, meine Arme um sie zu legen und meinen Kopf auf ihre Schulter zu drücken. Ich zog sie fest an mich, so als müsste ich fürchten sie jeden Moment zu verlieren. Der frische Duft des Kindseins haftete an ihr und ich atmete diesen tief ein. Sie löste sich kurz von meiner Umarmung, musterte mich und nickte mir strahlend zu. „Ich habe dich so furchtbar vermisst, Vater!“ Mit den Worten schmiss sie sich wieder an mich und zog mich so tief zu ihr runter, dass ich beinahe nach vorn kippte. Nun war mein Herz endgültig gebrochen. Kinder sehen die Welt von allen Menschen am einfachsten, doch gleichzeitig sind ihre Worte die die am meisten bedeuteten. Ich begann zu weinen. Obwohl ich kurzzeitig dagegen ankämpfte, ließ ich es geschehen. Die Tränen kullerten an meiner Wange hinab und sprangen auf ihre über. Sie löste sich nicht von mir, doch ich konnte ihr ruhige, besorgte Stimme hören. „Warum weinst du denn, Vater?“ In diesem Moment erinnerte sie mich auf merkwürdige Weise an ihre Mutter. „Weil ich so glücklich bin.“

      Und das war nicht gelogen.

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